Die Sache mit dem Kennenlernen

Wir leben in einer digitalen Welt. Google, Instagram, Facebook, Tinder – sie alle sind für uns ganz normale Teile des Alltags geworden. Das Handy ist unser ständiger Begleiter und scheint unser Leben so viel einfacher zu machen. Und doch gibt es Dinge, die durch die Digitalisierung zunehmend schwieriger zu werden scheinen. Eines davon ist das Sichkennenlernen.

Ich habe dieses Thema schon oft mit meinen Freundinnen besprochen, die von diversen Dating-Apps die Nase voll haben, da sich dort erfahrungsgemäß überdurchschnittlich viele Idioten herumtreiben (andererseits besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass meine Freundinnen einfach ein unglückliches Händchen bei ihrer Date-Wahl haben) und wir sind jedes Mal zu dem gleichen Ergebnis gekommen: Eigentlich möchten wir nicht aktiv auf Tinder etc. nach der potenziellen wahren Liebe suchen müssen, doch es mangelt an Alternativen. Es träumt wohl jeder davon, eines Tages jemanden kennenzulernen bei dem es einfach „Klick“ macht und mit dem man dann den Rest seines Lebens verbringen möchte, doch in der Realität kommt die Liebe auf den ersten Blick leider ungemein selten vor. Als (junger) Erwachsener lernt man neue Leute höchstens in der Uni, auf der Arbeit oder über gemeinsame Freunde richtig kennen. Ansonsten sind die Orte, an denen man tatsächlich leicht mit Leuten ins Gespräch kommt, sehr eingeschränkt und das, obwohl es in der Theorie doch so viele Möglichkeiten gäbe. Bars, Fitnessstudios, öffentliche Verkehrsmittel, Parks, Seen, Cafés, Supermärkte und und und – ständig laufen wir fremden Menschen über den Weg. Eigentlich gäbe es also genug potenzielle neue Kontakte, doch in den seltensten Fällen entsteht aus diesen Situationen ein Gespräch, selbst wenn wir den Typen, der uns in der Bahn gegenüber sitzt, eigentlich ganz süß finden.

Doch woran liegt das?

Meiner Meinung gibt es keine einfache Erklärung dafür. Eher spielen hier zwei Faktoren so unglücklich zusammen, dass das Kennenlernen anderer Personen plötzlich unglaublich schwer erscheint, obwohl es das eigentlich gar nicht sein müsste.

Der erste wichtige Einflussfaktor sind die sich mit der Zeit immer mehr verändernden Geschlechterrollen. Vor einigen Jahrzehnten war es noch ganz normal, dass der Mann den ersten Schritt macht. Allerdings standen die Frauen zu dieser Zeit auch noch vornehmlich am Herd anstatt jeden Morgen zur Arbeit aufzubrechen. Wir Frauen sind gefangen zwischen dem Ziel emanzipiert und stark zu sein und dem Wunsch erobert zu werden. Wir wollen nicht mehr alle Hausfrau und Mutter werden; wir wollen Karriere machen. Und vor allem wollen wir genauso ernst genommen werden wie unser männliches Umfeld. Dennoch träumen wir manchmal auch von einer Liebe wie im Märchen und da ist es eben meistens der Prinz, der das Erobern übernimmt und nicht die Prinzessin. Zudem kommt noch dazu, dass wir ja gar nicht wissen, ob die Männer überhaupt erobert werden wollen, oder ob es ihnen ihrerseits dann komisch vorkommt und sie sich gar in ihrer Männlichkeit gekränkt fühlen. Meine Vermutung ist nun (und mehr als eine Vermutung kann ich hier leider nicht äußern, da ich schließlich noch nie die Möglichkeit hatte, die Gedanken eines Mannes zu denken), dass es den Männern ganz ähnlich geht. Sie wissen nicht, ob eine Frau positiv darauf reagiert, wenn sie den ersten Schritt machen. Womöglich ist sie so emanzipiert, dass sie schon von selbst einen Schritt gemacht hätte, wenn sie Interesse hätte. Oder vielleicht hat sie schon so viele plumpe Anmachen abwehren müssen, dass sie ihre Zeit allein im Café oder im Fitnessstudio als Auszeit nutzt und nicht auch jetzt noch angesprochen werden möchte. Ist es von den Frauen denn überhaupt noch erwünscht erobert zu werden?

Treiber solcher Gedanken ist Einflussfaktor Nummer zwei: Die Angst vor Zurückweisung.

Jeder der schon mal jemanden anziehend fand und darüber nachgedacht hat, ihn oder sie anzusprechen, kennt dieses Gefühl. Was, wenn er oder sie „Nein“ sagt oder ganz und gar abweisend reagiert? Was, wenn man danach gedemütigt an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt und tunlichst vermeiden muss dem anderen ins Gesicht zu sehen? Oder soll man bei einer Abfuhr am liebsten gleich den Ort des Geschehens verlassen und sich im Bett verkriechen? In einer Zeit von Handy & Co. haben wir scheinbar ganz vergessen wie man jemanden anspricht. Auf dem Display nach rechts zu wischen und eine Nachricht zu tippen ist einfach. Unser Gegenüber kann uns nicht sehen und selbst wenn wir nervös sind, bekommt das keiner mit. Zudem ist die Nervosität längst nicht so groß wie bei einer Begegnung im realen Leben. Wir haben höchstens ein Foto von der Person vor Augen. Wir sehen nicht, wie sie sich bewegt und uns anschaut, hören nicht wie sie spricht oder lacht. Eine innere Verbundenheit oder ein automatisches positives Gefühl gibt es im Internet nicht. Wir können jemanden gut aussehend finden, doch wir können uns nicht zu ihm hingezogen fühlen. Und da wir dadurch persönlich viel weniger involviert sind, als wir es in der Realität wären, ist unsere Hemmschwelle Kontakt aufzunehmen deutlich niedriger. Während wir im Internet innerhalb von Sekunden und beinahe ohne Nachzudenken eine Nachricht verschicken, verschlägt es uns im Alltag die Sprache. Unsere Angst lähmt uns und negative Gedanken und Zweifel machen sich in unserem Kopf breit. Und dann ist der Augenblick vorbei und wir haben uns mal wieder nicht getraut.

Deshalb möchte ich in diesem Blogpost dazu aufrufen, wieder mehr auf andere Menschen zuzugehen. Erinnert euch an meinen letzten Beitrag und an eure Komfortzonen-Blase und denkt daran wie ihr sie vergrößern könnt. Lasst euch nicht von ihr einengen, sondern sorgt dafür, dass euch das Ansprechen anderer Menschen leicht fällt. Seid mutig!

Unabhängig davon, ob Mann oder Frau: Wenn ihr jemanden mit einem Lächeln und ein paar netten Worten auf den Lippen ansprecht, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ihr eine positive Reaktion zurückbekommt. Denn seien wir mal ehrlich, wer freut sich nicht über ein ehrliches Kompliment? Wer möchte sich nicht mal ein bisschen erobern lassen? Natürlich ist es möglich, dass die von euch angesprochene Person in einer festen Beziehung ist oder andere Gründe hat, euch nicht kennenlernen zu wollen, aber ich bin mir sicher, dass auch ein „Nein“ freundlich überbracht werden kann und wird. Und dann habt ihr es wenigstens versucht und fragt euch nicht „Was wäre wenn…?“.

Also schiebt all die negativen Gedanken beiseite, verlasst eure Komfortzone und traut euch. Ihr könnt nur gewinnen!

In diesem Sinne ♥

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katharina sagt:

    Ich finde deinen Blog auch sooo super. Deine Themen sind wirklich immer spannend und auch zeitgemäß!
    Grade die Komfortzone verlassen zu können, will gelernt sein, aber man sollte ja eh nie auslernen 😊 ich hoffe, dass das Thema „kennenlernen“ über etwaige Apps bald wieder zurück geht und man sich wieder im Supermarkt am Obststand kennenlernt, wenn man zum gleichen Apfel greifen will 😍

    Mach weiter so, ich freue mich immer, wenn es einen neuen Beitrag gibt!!!!

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    1. saskialng sagt:

      Danke, das ist so lieb von dir ❤️Ich habe noch so viele Ideen für weitere Artikel, muss aber immer ein wenig auf den Schreib-Mood warten 😀 Und ja, ich verstehe dich voll und ganz. Natürlich gibt es auch erfolgreiche App Lovestories, aber ich bin auch eher von der romantischen Obststandkennenlernsorte.

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  2. Langejuergen Thomas sagt:

    Hallo Saskia, ich kann Dir nur beipflichten. Das Leben besteht aus Chancen, Möglichkeiten und vielen aufregenden Momenten, wenn man sich traut. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ein freundliches Lächeln und ein mutiger Augenkontakt der Schlüssel zum Kennenlernen sind. Das geht nicht über Handy. Da springt kein Funken über und wie soll der Gegenüber den sonst Feuer und Flamme werden. Und was kann schon passieren. Ein Nein ist kein Weltuntergang und kommt viel seltener vor als man denkt. Die Aufregung angesprochen zu werden oder eine positive Resonanz zu bekommen ist das kleine Risiko wert. Und wenn man dabei kein Herzklopfen oder eine leichte Unsicherheit spürt, wo ist dann der Kick? Dein Blog ist spitze, weiter so… Liebe Grüße Thomas

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    1. saskialng sagt:

      Da stimme ich dir voll und ganz zu! Die Technik isr zwar schon recht weit, aber Emotionen lassen sich eben nicht so einfach per Nachricht übertragen. Da nützt auch die ganze Smiley-Palette nicht viel 🦦 Und vielen Dank für das Lob 🙂

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